January 2026

Komax = Koch, Max

Lange bevor Komax die erste Kabelverarbeitungsmaschine baute, stand der Name für eine Reihe aussergewöhnlicher Unternehmungen. Hinter allen steckt Max Koch, ein junger Tüftler, der mit Neugier und unternehmerischem Händchen erst die kleine und dann die grosse Welt erobern sollte.

Es ist so friedlich bei Familie Koch. Vor allem an Sonntagen. Dann wird im alten, gepflegten Chalet im Luzerner Wesemlin-Quartier musiziert: der Vater am Cello, Mutter und Tochter am Klavier, die zweite Tochter an der Geige und der kleine Mäxli als Flötist oder hoher Sopran. Allein – Mäxlis Herz schlägt nicht nur für klassische Musik. Während seine Altersgenossen an freien Nachmittagen Cowboy und Indianer spielen, hantiert er zuhause mit Kalium und fertigt Laserkanonen. Die Experimente bereiten dem Jungen mitunter schmerzhafte Erkenntnisse: Kalium ist in Verbindung mit Wasser hochexplosiv, oder: ein Laserstrahl verursacht temporäre Erblindung, wenn er ins Auge trifft. Geborstene Fenster im Kinderzimmer und Besuche auf der Notfallstation trüben das Familienidyll dann doch erheblich.

Kommt hinzu, dass Mäxlis schulische Leistungen die Erwartungen der Eltern nicht ganz erfüllen. Also setzen sie den experimentell-naturwissenschaftlichen Ambitionen ihres Sohnes ein jähes Ende. Das Komax-Labor, das der jugendliche Gründer selbst seinen Namenssilben gemäss so benannt hat, wird bis auf Weiteres geschlossen. Denken die Eltern und unterschätzen dabei die bereits weit fortgeschrittenen elektrotechnischen Fertigkeiten ihres Sohnes. Dieser verlegt unter dem Wohnzimmerteppich bis in sein Zimmer Drähte und installiert ein elektronisches Meldesystem, das ihn jederzeit über den Standort der Eltern informiert. Liegen sie im Bett und schlafen, schleicht sich Max ins verbotene Labor im Keller und tüftelt bis in die Morgenstunden weiter.

Ein Junge mit Plan

Nach alter Familientradition hat Max Koch die Wahl: Aus ihm soll Arzt oder Pfarrer werden. Tatsächlich kommt Pfarrer in diesem Fall nicht infrage, das sagen selbst die Eltern und entscheiden: Max wird Arzt – mit der unmittelbaren Konsequenz, dass er am Gymnasium in Luzern Latein pauken muss. Die ausgestorbene Sprache scheint ihm allerdings nutzlos. Schliesslich hat er auf einem Ausflug bereits Paris gesehen und dort den Duft der grossen weiten Welt geatmet. Max Koch weiss, was er werden will: Besitzer einer kleinen, international tätigen Techfirma – so könnte er weitertüfteln und auf der ganzen Welt herumreisen, und das erst noch auf Geschäftskosten!

Zugegeben: Die Sache mit dem Kleinunternehmer hat er dem Vater abgeschaut, seinerseits Geschäftsführer und Teilhaber der Auto Koch AG, die in Luzern die Vertretung von General Motors, Opel und weiteren Marken innehat. Mit der Materie Autoverkauf hingegen will Max Koch nichts mehr zu tun haben; zu schwer lastet die Enttäuschung auf ihm, dass sein selbstgebautes Gefährt auf Geheiss des Vaters verschrottet wurde. «Zu gefährlich», urteilte dieser.

Während sich Max gezwungenermassen mit dem Ablativus qualitatis herumschlägt, holt ihn das Glück ein: Seine Schwester will nun doch Medizin studieren, womit die Familientradition gerettet wäre. So darf Max den Matura-Typus wechseln, wird vom Latein befreit und widmet sich fortan mit aller Kraft den Naturwissenschaften und der Technik.

Rein ins Geschäft

Dass Max Koch das Zeug zum Unternehmer hat, zeigt sich, als in den 60er-Jahren die ersten Stereoanlagen auf den Markt kommen. Weil der Jugendliche sich die 550 Franken teuren Geräte nicht leisten kann, beschliesst er, sie selbst zu bauen. Zuerst überzeugt er aber vier seiner Onkel von der Notwendigkeit, sich ebenfalls eine Stereoanlage anzuschaffen, um in den eigenen vier Wänden Beethovensinfonien und Mozartkonzerten in Orchesterqualität zu lauschen. Er lässt sie die Stereoanlagen anzahlen, um das benötigte Material für den Eigenbau einzukaufen. Dass sich daraus auch noch eine fünfte Stereoanlage bauen lässt, ist natürlich kein Zufall, sondern das Resultat genauer Kalkulation.

Es bleibt nicht bei der gewöhnlichen Stereoanlage, bald schon erfindet Max Koch die «Komax Sound & Light» – eine Verstärkeranlage mit zwei Plattenspielern, Mikrofon, Mischpult und einem Beleuchtungsset aus alten Autoscheinwerfern. Hatte man in Luzern bis zu diesem Zeitpunkt an den Wochenenden nur zu Livemusik getanzt, beginnt jetzt der Siegeszug der Disco, und DJ Komax steckt mittendrin. Als Mittelschüler mietet er Hotelsäle, stellt Mitarbeitende ein und verdient bis zu 1600 Franken – an einem einzigen Abend!

Menschenkenner

An der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich wird aus dem Jungunternehmer Max Koch 1969 einer von hunderten frisch immatrikulierten Elektroingenieuren. Dass er auch als Menschenkenner Talent hat, zeigt sich, als ein berüchtigter Mathematikprofessor ihn im prall gefüllten Auditorium Maximum der ETH an die Wandtafel beordert. Max Koch hat in diesem Moment keinen Schimmer von der Materie und beschliesst die Flucht nach vorn: «Herr Professor, ich komme gerade aus dem Militärdienst und verstehe überhaupt nicht, was Sie jetzt von mir wollen!» Das Stichwort «Militärdienst» genügt, um den patriotischen Professor in Zeiten der Studentenunruhen zu besänftigen: «Sehr gut. Sie können absitzen.»

Ahnungslos bleibt Max Koch nicht lange, er ist ein ehrgeiziger, fleissiger Student, der weder für die Politik der 68er noch für sein Discounternehmen Zeit findet. Zumal das Multitalent nebenbei auch noch Musikgeschichte studiert und fast jede freie Minute im Zürcher Opernhaus verbringt, wo er mit 22 Jahren auch seine Frau kennenlernt.

Busse mit Folgen

Am Ende seines Studiums bietet ein Professor am Institut für Biomedizinische Technik Max Koch eine Doktoratsstelle an. Doch dieser hat seinen Traum nie vergessen – nicht in den Hörsälen der ETH, nicht im Opernhaus. Er will Unternehmer werden. Und dann, in seinem 25. Lebensjahr, scheint sich der Lebensplan zu konkretisieren:

In seinem orange-schwarzen Opel Manta wird Max Koch im Frühjahr 1974 in der Nähe von Zürich-Oerlikon von einer dieser Radarfallen geblitzt, die in der Schweiz seit der Ölkrise überall herumstehen, und beschliesst augenblicklich, die erste und letzte Geschwindigkeitsbusse seines Lebens zu bezahlen. Er will ein Gerät erfinden, dass bei zu hohem Tempo Alarm schlagen soll: Komax Speed Control soll es heissen. Sechs Monate später ist das Gerät funktionstüchtig und Max Koch mit seiner Speed Control sogar Gast im Schweizer Radio. Nach der Sendung gehen bei ihm über 2000 Bestellungen ein, die er allein und ohne technische Hilfsmittel kaum produzieren kann. Also stellt Max Koch einen Studienkollegen und einen weiteren Mitarbeiter ein. Zudem konstruiert er noch eine Apparatur, um die Unmengen an Kabel schnell und automatisch zuschneiden zu können. Komax 20 heisst Max Kochs erste Kabelverarbeitungsmaschine.

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Dieser Artikel ist Teil des Jubiläumsbuchs «Celebrating Connections. 50 Jahre Komax, 1975-2025», das Widmer Kohler für Komax konzipiert und geschrieben hat (2025).

© 2022 Colin Bätschmann